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  • Thomas Laukat • Grafiker • Schlagwerker • Instruktor Alpin

Clownschule auf Klassenfahrt

Heute, 25/04/2019

Raus aus der Bodenhaltung

Urlaub am Berg ist per­fekt! Uns, denen der Überfluss nur Überdruss beschert, ver­heißt der Berg“ nur Gutes. Outdoor muss sein. Ab vor die Tür, fri­sche Luft für Körper, Geist und Seele. Die Pumpe kommt auf Touren, Gedanken klar wie Quellwasser. Mal raus aus der Bodenhaltung!

Mit klei­nem Gepäck, auf das Nötigste redu­ziert. Ganz dicht bei Dir. Natur mit allen Sinnen erfah­ren. Horizonte erwei­tern. Grenzen spren­gen. Mit jedem sofort per Du, egal, ob König oder Bettelmann. Sorgenbefreit und mun­ter in den Tag star­ten. Jeden Tag eine neue Welt. Geh, leck, TSCHAKA!

Den Alpinen Vereinen und deren Wegmachern gilt ewig unser Lob und Dank, füh­ren sie uns doch in Versuchung. Leichtfüssig, rot-weis­sen Markierungen wie Hänsel (oder Gretel … Gendersternchen) den Brotkrumen fol­gend, lust­wan­deln wir über Stock und Stein in Richtung Sehnsuchtsziel Hütte“. Dort ange­kom­men, erst­mal:

Eine Marille, bit­te.

Da, wo ich bin, ist Oben!“

Zum ers­ten Mal in unse­rem Leben auf der Hütte wer­den wir sogleich wie alte Freunde begrüßt. Und haben sofort das siche­re Gefühl, die­se gan­ze Pracht wäre ein­zig nur für uns geschaf­fen. Schatten wer­fen­de Dirndl ser­vie­ren dau­er­gut­ge­launt Bier, Knödel, Mastochse und Marille satt, die Musi spült auf. Rund her­um Natur … Soooschöön! Manch einer denkt gar: Hier zu arbei­ten ist ja wie Urlaub machen“.

Abends dann: Uralte, voll­bär­ti­ge Bergvagabunden in Karohemd und Lederhose - die wah­ren Helden der Berge - berich­ten arm­we­delnd von epo­cha­len Bergfahrten („in Mitten tiefs­ter Nacht auf­ge­stie­gen, in dich­tem Nebel mor­gens 50 Meter über dem Gipfel ange­kom­men“) und zau­bern uns - andäch­tig am Nachbartisch lau­schen­de Wochenend-Outdoor-Jünger in scham­los teu­rem Synthetik-GoreTex-Ornat (=poten­ti­ell flam­men­de Infernos) - ein ehr­fürch­ti­ges Staunen ins blas­se Nordgesicht. Während wir Mammut-Berge von Knödel in uns rein­drü­cken.

Und noch zwei Marille, bit­te“.

Sooo schöön!

Die Marille wächst natür­lich (out­door!) hin­term Haus. Gleich neben den Spaghetti. Der Almochse kommt am Morgen Gott grü­ßend in die Küche getrot­tet und legt sich zufrie­den in die Bratröhre, die Knödel rol­len lus­tig hüp­fend den Berg hin­ab ins hei­ße Wasser.

Jedes Jahr bewer­ben sich Kühe aus der gan­zen Welt um einen der begehr­ten Outdoor-Plätze auf der Hochalm. Und um den Job zu bekom­men brin­gen sie die Milch gleich kos­ten­los mit.

Im Frühjahr kann es der Schnee gar nicht erwar­ten zu schmel­zen. Um genug sau­be­re Wasserkraft zu lie­fern. Damit wir auf Einzelzimmer - mit Extrakissen für den Hund - nach der hei­ßen Dusche die Haare und unse­re steig­ei­sen­fes­ten Mokassins fönen und die Mobiltelefone, GPS-Geräte für Auf- und Abstieg, Tough-Rough-Smart-Watches, Alexa´s und das Tablet auf­la­den kön­nen. Von denen ja unser aller Leben abhängt. Hier, in der rau­hen, uner­bitt­li­chen Outdoor-Wildnis. Die Bergrettung rufen bevor uns die Glieder abfrie­ren. Im Hochsommer.

Alexa: Noch vier Marille.
Und die Bergrettung, bit­te“.

Was schaust so dep­pert?!
Tschuldigung, sind das da die Berge?“

Derweil läuft hin­ter all der ursprüng­li­chen, natür­li­chen, unver­dor­be­nen Vor-der-Tür-Idylle“ eine sau­ber geschmier­te Maschine rund, zu deren Funktionieren ech­te Menschen bei­tra­gen. Volk, dass über Monate hin­weg auf den letz­ten Rest Privatsphäre ver­zich­tet. Um Fragen zu beant­wor­ten, deren Antworten - aus dem Stehgreif - erst erfun­den wer­den müs­sen. Teils abstru­se Bedürfnisse erfüllt, auf Schlaf ver­zich­tet und ver­rückt genug ist, sich das anzu­tun. Denn, bei Gott: Das ist nicht immer nur Spass, da zu arbei­ten, wo ande­re Urlaub machen.

16-18 Stunden Arbeit rei­chen meist nicht aus, um immer höhe­re Anforderungen zu erfül­len. 6-Gänge-Menüs, WLAN for free, 24/7-Erreichbarkeit Kopf über in der hin­ter letz­ten Gletscherspalte, GPS-Koordinaten um das Hütten-Klo zu fin­den (Geh, kannst mir die auf­schrei­ben, bitt­schön!?“).

Tellertaxi im Feierabendverkehr

Und am Abend erwar­ten wir natür­lich das Kapitäns-Dinner“ mit den Wirtsleuten. Am bes­ten, deren längst ver­stor­be­ne Grossmutter und das immer ver­gnüg­te Tellertaxi - das so lus­ti­ge Übungen drauf hat - hocken sich auch noch dazu. Und wie­der klingt das alte Lied:

Mrille! Mrille! Oaner geht noch rein“

Gemütlich z´sammen sit­zen, im Hintergrund spielt jemand auf der Gitarre, arm­we­deln, epo­cha­le Bergfahrten, Helden der Berge … und noch sechs Marille, bit­te. Passt! Drei Stunden Schlaf müs­sen dem Personal auch mal rei­chen. Aufräumen, Frühstück ein­de­cken, Kompost raus­brin­gen … geht, aber erst, wenn der letz­te im Bett ist! Aus der Kleinen Stube hört man:

Nchachtmrille, magscht Du o oan?“.

Noch acht Marille? … Bitte sehr!

Zu früh am nächs­ten Morgen geht die lus­ti­ge Fragestunde gleich wie­der los. Wie heißt es doch so schön: Vor dem ers­ten Kaffee ein­fach mal die Klappe hal­ten. Vergiss es! Ab sechs Uhr in der Früh tönt es auf allen Stockwerken: Los gehts! Gemma, gem­ma, … Bittschön, auf gehts“ … Aber dann, so bis halb Zehn: Wie ist das Wetter drau­ßen?“ Könnte ich bit­te einen Latte Macchiato Caramel lac­to­frei mit viel Schaum, den aber unten und to go!?“ Geht es da berg­auf?“ Hast Du mei­ne Hose gefun­den?“ Haben Sie auch Dinkel-Toast aus Bodenhaltung, oder darf ich auch Du sagen?“ Sind das da die Berge?“ Und? Wo gehen Sie heu­te hin?“

Outdoor kom­me ICH nur bis zum Kompost.“

Nach dem Frühstück (3x lac­to, 1x veg­gie, 2x schaum­un­ten, 1x inlie­gen­de­nach­ten, 1xkaffeeeinlauf und zwi­schen drin mal gucken, ob die Kleine Stube schwimmt) wäre eigent­lich die Zeit gekom­men um abzu­räu­men, die Böden und Toiletten zu put­zen, Betten und Wäsche zu machen, Holz holen, neben­bei wei­te­re Fragen zu beant­wor­ten („Ich kom­me bestimmt wie­der! Vielleicht in drei Monaten oder so. Wie wird denn da das Wetter?“), Dinkel-Toast besor­gen (das Zeug ist eckig und rollt somit nicht von sel­ber), Holz hacken, das Essen für Tages- und Hausgäste vor­be­rei­ten, Lagerhaltung, Buchhaltung, Tierhaltung, dem Mastochsen Küchentür und Bratrohr auf­ma­chen, mal vor die Tür und Kompost raus­brin­gen, bei der Gelegenheit nach Stunden end­lich pie­seln …

Geht aber nicht!

Denn in und vor der Hütte wuseln wir zeit­gleich auf engs­tem Raum vol­le im Weg und ver­tei­len unse­re Ausrüstung auf Böden, Treppen, Tischen, Bänken und dem mitt­ler­wei­le has­tig frei­ge­räum­ten Frühstücksbuffet. Sensationell, was da alles auf­scheint. Und das will täg­lich vor dem Abmarsch aufs Neue sor­tiert, kon­trol­liert und exhi­biert wer­den. So wie bei die gro­ßen Expidischäns.

Der Gebirgskampf ist ein Luder“

Aussen am Rucksack eines Gastes bau­meln fröh­lich ein Teddy und zwei mes­ser­schar­fe, 25cm. lan­ge Eisschrauben. Ziel: Strip­sen­joch, 1,5 Std. leich­te Wanderung durch den Wald, gera­de jetzt im Hochsommer schön zu gehen und schat­tig.

Nebenan pro­gram­miert einer hoch­kon­zen­triert sei­ne GPSen. Richtig gele­sen: Mehrzahl! Der Kamerad ist im Abstieg nach Kufstein. Die brei­te Fahrstrasse wur­de erst vor weni­gen Jahren ange­legt und die Chance, das sich in den nächs­ten zwei Stunden etwas am Routenverlauf ändert geht gegen Null (er wird sich trotz­dem heil­los ver­lau­fen).

Unausgeschlafene Elternpaare ver­su­chen sich zu eini­gen, wer jetzt mit Tragegestell und dem süßen Fratz auf dem Rücken die 800 Höhenmeter hoch­kot­zen muss.

Während das Kind unten rum damit beschäf­tigt ist, Papa see­len­ru­hig die Schnürsenkel mit einer sau­be­ren Acht zu ver­kno­ten, strei­ten die Beiden oben wei­ter. Grandios: Die Bratzen kön­nen noch nicht allei­ne lau­fen, essen, schei­ßen … aber den stol­zen Vater haut´s garan­tiert beim ers­ten Schritt vol­le auf die Schnauze. Selbst die Mama kann ihren Stolz auf Bubi kaum ver­ber­gen. Der Knotenkunde-Grundkurs für Eltern und Krippenkinder unter drei Jahre“ der AV-Sektion Hamburg/Niederelbe hat sich sicht­lich voll aus­ge­zahlt.

Bloss nichts ver­ges­sen …

Dann sind da noch die Wasserauffüller, Müsliriegel- und Erbsenzähler, Reissverschlusskontrollierer, Mützenzurechtrücker, Seilaufschießer, Sockenhochzieher, Brotzeiteinpacker, Schuhzubinder, Brotzeitauspacker, Fragensteller, Teleskopstockingenieure, Kartenleser, Gruppenfotomacher … und dann noch die, die das alles dop­pelt machen. Um auf Nummer Sicher“ zu gehen. Auf Deutsch gesagt. Hier, in der rau­hen, uner­bitt­li­chen Outdoor-Wildnis.

Zum Abschied viel­leicht noch zehn Marillen?

Und los, auf in den Gebirgskampf … im Wechsel stür­men dann auch schon die ers­ten Tagesgäste die Terrasse. Das ist aber ein ganz ande­res Kapitel (Folgt!). Derweil macht das Reinigungspersonal (mit Migrationshintergrund) eine unge­woll­te Pause.

Reinigungspersonal (mit Migrationshintergrund)
Oida!

Nicht nur, das wir es uns gesund­heit­lich, zeit­lich und finan­zi­ell leis­ten kön­nen, an den Berg zu fah­ren. Und auch noch im hin­ters­ten Winkel vege­ta­ri­schen Dinkeltoast, eine kos­ten­lo­se Schuhreparatur, psy­chi­schen Beistand und ein Handtuch bekom­men (weiß der lie­be Gott war­um wir immer die wich­tigs­ten Sachen zu Hause ver­ges­sen). Nein, wir bekom­men dort noch soviel mehr.

Diesen beson­de­ren (beklopp­ten?) Menschen ist es zu dan­ken, das der Berg uns immer wie­der so viel Kraft und Ruhe gibt. Verrückten, die sich nach geta­ner Arbeit zu uns an den Tisch set­zen, viel zu spät ins Bett gehen und sich freu­en, viel zu früh wie­der auf­zu­ste­hen.

Dem Berg ist das alles - einer inter­na­tio­nal aner­kann­ten Studie aller Alpenvereine zu Folge - übri­gens scheiss­egal! Wären die Hüttinger nicht da, wür­de uns der Berg abschüt­teln wie läs­ti­ge Fliegen.

Man freut sich ehrlich auf und über uns!

Obwohl wir so unglaub­lich läs­tig sein kön­nen 🙂 Aber bestimmt nicht, weil wir sie reich machen. Die Bezahlung ist in der Regel fair und über Tarif, steht aber in kei­ner Relation zur geleis­te­ten Arbeit. Und ich ken­ne nur einen ein­zi­gen Hüttenwirt der sich einen Elefanten zum Geldscheine platt tram­peln im Keller hält. Der droht aber in Elefantenscheisse zu ersti­cken. Weil hier kei­ner sei­nen Müll mit zurück ins Tal nimmt. Warum man uns mag?

Warum?

Weil wir nach zwei, drei Tagen am Berg lang­sam aber sicher nor­mal“ wer­den. Oder genau­so ver­rückt? Aufhören, uns zu beneh­men wie Absolventen einer Clownschule auf Klassenfahrt. Entspannt und … ein­fach ber­gig! So mag man uns. Das hof­fe ich, als Gast, zumin­dest. Und es scheint - für bei­de Seiten - ein befrie­di­gen­der Lohn, genau dafür zu arbei­ten. Und es soll­te unser aller Ziel sein, die­se Hoffnung auf Wandel zu erfül­len.

Darum …

… einen Dank an die Wegemacher und ihre ehren­amt­li­chen Blödmannsgehilfen, die im Frühjahr aus­schwär­men und - kein Witz - ihr Leben oft genug an dün­ne Fäden hän­gen, um uns eine siche­re Passage her­zu­rich­ten. An die eben­falls ehren­amt­li­che Bergrettung, die mit­ten in der Nacht aus­rückt und am Ende hof­fent­lich nur“ eine klei­ne Schnittverletzung ver­sorgt (Eisschraube!) und beson­ders natür­lich an die Hüttenleute, Service- und Küchendiener, Tellertaxen und alle ande­ren Vollverrückten. Wenn der Kunde König ist, dann seid ihr die Kaiser/innen.

Vielen Dank für die freund­li­che Gastwirtschaft! Marille ist aus?!

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