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Clown­schu­le auf Klas­sen­fahrt

Heute, 23/02/2019

Raus aus der Bodenhaltung

Urlaub am Berg ist per­fekt!
Uns, denen der Über­fluss nur Über­druss beschert, ver­heißt der Berg“ nur Gutes.

Out­door muss sein. Ab vor die Tür, fri­sche Luft für Kör­per, Geist und See­le. Die Pum­pe kommt auf Tou­ren, Gedan­ken klar wie Quell­was­ser. Mal raus aus der Boden­hal­tung!

Mit klei­nem Gepäck, auf das Nötigs­te redu­ziert. Ganz dicht bei Dir. Natur mit allen Sin­nen erfah­ren. Hori­zon­te erwei­tern. Gren­zen spren­gen. Mit jedem sofort per Du, egal, ob König oder Bet­tel­mann. Sor­gen­be­freit und mun­ter in den Tag star­ten. Jeden Tag eine neue Welt. Geh, leck, TSCHAKA!

Den Alpi­nen Ver­ei­nen und deren Weg­ma­chern gilt ewig unser Lob und Dank, füh­ren sie uns doch in Ver­su­chung. Leicht­füs­sig, rot-weis­sen Mar­kie­run­gen wie Hän­sel (oder Gre­tel … Gen­der­stern­chen) den Brot­kru­men fol­gend, lust­wan­deln wir über Stock und Stein in Rich­tung Sehn­suchts­ziel Hüt­te“. Dort ange­kom­men, erst­mal:

Eine Maril­le, bit­te.

Da, wo ich bin, ist Oben!“

Zum ers­ten Mal in unse­rem Leben auf der Hüt­te wer­den wir sogleich wie alte Freun­de begrüßt. Und haben sofort das siche­re Gefühl, die­se gan­ze Pracht wäre ein­zig nur für uns geschaf­fen. Schat­ten wer­fen­de Dirndl ser­vie­ren dau­er­gut­ge­launt Bier, Knö­del, Mast­och­se und Maril­le satt, die Musi spült auf. Rund her­um Natur … Sooo­schöön! Manch einer denkt gar: Hier zu arbei­ten ist ja wie Urlaub machen“.

Abends dann: Uralte, voll­bär­ti­ge Berg­va­ga­bun­den in Karo­hemd und Leder­ho­se - die wah­ren Hel­den der Ber­ge - berich­ten arm­we­delnd von epo­cha­len Berg­fahr­ten („in Mit­ten tiefs­ter Nacht auf­ge­stie­gen, in dich­tem Nebel mor­gens 50 Meter über dem Gip­fel ange­kom­men“) und zau­bern uns - andäch­tig am Nach­bar­tisch lau­schen­de Wochen­end-Out­door-Jün­ger in scham­los teu­rem Syn­the­tik-Gore­Tex-Ornat (=poten­ti­ell flam­men­de Infer­nos) - ein ehr­fürch­ti­ges Stau­nen ins blas­se Nord­ge­sicht. Wäh­rend wir Mam­mut-Ber­ge von Knö­del in uns rein­drü­cken.

Und noch zwei Maril­le, bit­te“.

Sooo schöön!

Die Maril­le wächst natür­lich (out­door!) hin­term Haus. Gleich neben den Spa­ghet­ti. Der Almoch­se kommt am Mor­gen Gott grü­ßend in die Küche getrot­tet und legt sich zufrie­den in die Bratröh­re, die Knö­del rol­len lus­tig hüp­fend den Berg hin­ab ins hei­ße Was­ser.

Jedes Jahr bewer­ben sich Kühe aus der gan­zen Welt um einen der begehr­ten Out­door-Plät­ze auf der Hoch­alm. Und um den Job zu bekom­men brin­gen sie die Milch gleich kos­ten­los mit.

Im Früh­jahr kann es der Schnee gar nicht erwar­ten zu schmel­zen. Um genug sau­be­re Was­ser­kraft zu lie­fern. Damit wir auf Ein­zel­zim­mer - mit Extra­kis­sen für den Hund - nach der hei­ßen Dusche die Haa­re und unse­re steig­ei­sen­fes­ten Mokas­sins fönen und die Mobil­te­le­fo­ne, GPS-Gerä­te für Auf- und Abstieg, Tough-Rough-Smart-Wat­ches, Alexa´s und das Tablet auf­la­den kön­nen. Von denen ja unser aller Leben abhängt. Hier, in der rau­hen, uner­bitt­li­chen Out­door-Wild­nis. Die Berg­ret­tung rufen bevor uns die Glie­der abfrie­ren. Im Hoch­som­mer.

Ale­xa: Noch vier Maril­le.
Und die Berg­ret­tung, bit­te“.

Was schaust so dep­pert?!
Tschul­di­gung, sind das da die Ber­ge?“

Der­weil läuft hin­ter all der ursprüng­li­chen, natür­li­chen, unver­dor­be­nen Vor-der-Tür-Idyl­le“ eine sau­ber geschmier­te Maschi­ne rund, zu deren Funk­tio­nie­ren ech­te Men­schen bei­tra­gen. Volk, dass über Mona­te hin­weg auf den letz­ten Rest Pri­vat­sphä­re ver­zich­tet. Um Fra­gen zu beant­wor­ten, deren Ant­wor­ten - aus dem Steh­greif - erst erfun­den wer­den müs­sen. Teils abstru­se Bedürf­nis­se erfüllt, auf Schlaf ver­zich­tet und ver­rückt genug ist, sich das anzu­tun. Denn, bei Gott: Das ist nicht immer nur Spass, da zu arbei­ten, wo ande­re Urlaub machen.

16-18 Stun­den Arbeit rei­chen meist nicht aus, um immer höhe­re Anfor­de­run­gen zu erfül­len. 6-Gän­ge-Menüs, WLAN for free, 24/7-Erreich­bar­keit Kopf über in der hin­ter letz­ten Glet­scher­spal­te, GPS-Koor­di­na­ten um das Hüt­ten-Klo zu fin­den (Geh, kannst mir die auf­schrei­ben, bitt­schön!?“).

Tel­ler­ta­xi im Fei­er­abend­ver­kehr

Und am Abend erwar­ten wir natür­lich das Kapi­täns-Din­ner“ mit den Wirts­leu­ten. Am bes­ten, deren längst ver­stor­be­ne Gross­mutter und das immer ver­gnüg­te Tel­ler­ta­xi - das so lus­ti­ge Übun­gen drauf hat - hocken sich auch noch dazu. Und wie­der klingt das alte Lied:

Mril­le! Mril­le! Oaner geht noch rein“

Gemüt­lich z´sammen sit­zen, im Hin­ter­grund spielt jemand auf der Gitar­re, arm­we­deln, epo­cha­le Berg­fahr­ten, Hel­den der Ber­ge … und noch sechs Maril­le, bit­te. Passt! Drei Stun­den Schlaf müs­sen dem Per­so­nal auch mal rei­chen. Auf­räu­men, Früh­stück ein­de­cken, Kom­post raus­brin­gen … geht, aber erst, wenn der letz­te im Bett ist! Aus der Klei­nen Stu­be hört man:

Nchachtmril­le, magscht Du o oan?“.

Noch acht Maril­le? … Bit­te sehr!

Zu früh am nächs­ten Mor­gen geht die lus­ti­ge Fra­ge­stun­de gleich wie­der los. Wie heißt es doch so schön: Vor dem ers­ten Kaf­fee ein­fach mal die Klap­pe hal­ten. Ver­giss es! Ab sechs Uhr in der Früh tönt es auf allen Stock­wer­ken: Los gehts! Gem­ma, gem­ma, … Bitt­schön, auf gehts“ … Aber dann, so bis halb Zehn: Wie ist das Wet­ter drau­ßen?“ Könn­te ich bit­te einen Lat­te Mac­chia­to Cara­mel lac­to­frei mit viel Schaum, den aber unten und to go!?“ Geht es da berg­auf?“ Hast Du mei­ne Hose gefun­den?“ Haben Sie auch Din­kel-Toast aus Boden­hal­tung, oder darf ich auch Du sagen?“ Sind das da die Ber­ge?“ Und? Wo gehen Sie heu­te hin?“

Out­door kom­me ICH nur bis zum Kom­post.“

Nach dem Früh­stück (3x lac­to, 1x veg­gie, 2x schaum­un­ten, 1x inlie­gen­de­nach­ten, 1xkaffeeeinlauf und zwi­schen drin mal gucken, ob die Klei­ne Stu­be schwimmt) wäre eigent­lich die Zeit gekom­men um abzu­räu­men, die Böden und Toi­let­ten zu put­zen, Bet­ten und Wäsche zu machen, Holz holen, neben­bei wei­te­re Fra­gen zu beant­wor­ten („Ich kom­me bestimmt wie­der! Viel­leicht in drei Mona­ten oder so. Wie wird denn da das Wet­ter?“), Din­kel-Toast besor­gen (das Zeug ist eckig und rollt somit nicht von sel­ber), Holz hacken, das Essen für Tages- und Haus­gäs­te vor­be­rei­ten, Lager­hal­tung, Buch­hal­tung, Tier­hal­tung, dem Mast­och­sen Küchen­tür und Bra­trohr auf­ma­chen, mal vor die Tür und Kom­post raus­brin­gen, bei der Gele­gen­heit nach Stun­den end­lich pie­seln …

Geht aber nicht!

Denn in und vor der Hüt­te wuseln wir zeit­gleich auf engs­tem Raum vol­le im Weg und ver­tei­len unse­re Aus­rüs­tung auf Böden, Trep­pen, Tischen, Bän­ken und dem mitt­ler­wei­le has­tig frei­ge­räum­ten Früh­stücks­buf­fet. Sen­sa­tio­nell, was da alles auf­scheint. Und das will täg­lich vor dem Abmarsch aufs Neue sor­tiert, kon­trol­liert und exhi­biert wer­den. So wie bei die gro­ßen Expi­di­schäns.

Der Gebirgs­kampf ist ein Luder“

Aus­sen am Ruck­sack eines Gas­tes bau­meln fröh­lich ein Ted­dy und zwei mes­ser­schar­fe, 25cm. lan­ge Eis­schrau­ben. Ziel: Strip­sen­joch, 1,5 Std. leich­te Wan­de­rung durch den Wald, gera­de jetzt im Hoch­som­mer schön zu gehen und schat­tig.

Neben­an pro­gram­miert einer hoch­kon­zen­triert sei­ne GPSen. Rich­tig gele­sen: Mehr­zahl! Der Kame­rad ist im Abstieg nach Kuf­stein. Die brei­te Fahr­stras­se wur­de erst vor weni­gen Jah­ren ange­legt und die Chan­ce, das sich in den nächs­ten zwei Stun­den etwas am Rou­ten­ver­lauf ändert geht gegen Null (er wird sich trotz­dem heil­los ver­lau­fen).

Unaus­ge­schla­fe­ne Eltern­paa­re ver­su­chen sich zu eini­gen, wer jetzt mit Tra­ge­ge­stell und dem süßen Fratz auf dem Rücken die 800 Höhen­me­ter hoch­kot­zen muss.

Wäh­rend das Kind unten rum damit beschäf­tigt ist, Papa see­len­ru­hig die Schnür­sen­kel mit einer sau­be­ren Acht zu ver­kno­ten, strei­ten die Bei­den oben wei­ter. Gran­di­os: Die Brat­zen kön­nen noch nicht allei­ne lau­fen, essen, schei­ßen … aber den stol­zen Vater haut´s garan­tiert beim ers­ten Schritt vol­le auf die Schnau­ze. Selbst die Mama kann ihren Stolz auf Bubi kaum ver­ber­gen. Der Kno­ten­kun­de-Grund­kurs für Eltern und Krip­pen­kin­der unter drei Jah­re“ der AV-Sek­ti­on Hamburg/Niederelbe hat sich sicht­lich voll aus­ge­zahlt.

Bloss nichts ver­ges­sen …

Dann sind da noch die Was­ser­auf­fül­ler, Müs­li­rie­gel- und Erb­sen­zäh­ler, Reiss­ver­schluss­kon­trol­lie­rer, Müt­zen­zu­recht­rü­cker, Seil­auf­schie­ßer, Socken­hoch­zie­her, Brot­zeit­ein­pa­cker, Schuh­zu­bin­der, Brot­zeit­aus­pa­cker, Fra­gen­stel­ler, Tele­skop­sto­ck­in­ge­nieu­re, Kar­ten­le­ser, Grup­pen­fo­to­ma­cher … und dann noch die, die das alles dop­pelt machen. Um auf Num­mer Sicher“ zu gehen. Auf Deutsch gesagt. Hier, in der rau­hen, uner­bitt­li­chen Out­door-Wild­nis.

Zum Abschied viel­leicht noch zehn Maril­len?

Und los, auf in den Gebirgs­kampf … im Wech­sel stür­men dann auch schon die ers­ten Tages­gäs­te die Ter­ras­se. Das ist aber ein ganz ande­res Kapi­tel (Folgt!). Der­weil macht das Rei­ni­gungs­per­so­nal (mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund) eine unge­woll­te Pau­se.

Rei­ni­gungs­per­so­nal (mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund)
Oida!

Nicht nur, das wir es uns gesund­heit­lich, zeit­lich und finan­zi­ell leis­ten kön­nen, an den Berg zu fah­ren. Und auch noch im hin­ters­ten Win­kel vege­ta­ri­schen Din­kel­toast, eine kos­ten­lo­se Schuh­re­pa­ra­tur, psy­chi­schen Bei­stand und ein Hand­tuch bekom­men (weiß der lie­be Gott war­um wir immer die wich­tigs­ten Sachen zu Hau­se ver­ges­sen). Nein, wir bekom­men dort noch soviel mehr.

Die­sen beson­de­ren (beklopp­ten?) Men­schen ist es zu dan­ken, das der Berg uns immer wie­der so viel Kraft und Ruhe gibt. Ver­rück­ten, die sich nach geta­ner Arbeit zu uns an den Tisch set­zen, viel zu spät ins Bett gehen und sich freu­en, viel zu früh wie­der auf­zu­ste­hen.

Dem Berg ist das alles - einer inter­na­tio­nal aner­kann­ten Stu­die aller Alpen­ver­ei­ne zu Fol­ge - übri­gens scheiss­egal! Wären die Hüt­tin­ger nicht da, wür­de uns der Berg abschüt­teln wie läs­ti­ge Flie­gen.

Man freut sich ehr­lich auf und über uns!

Obwohl wir so unglaub­lich läs­tig sein kön­nen 🙂 Aber bestimmt nicht, weil wir sie reich machen. Die Bezah­lung ist in der Regel fair und über Tarif, steht aber in kei­ner Rela­ti­on zur geleis­te­ten Arbeit. Und ich ken­ne nur einen ein­zi­gen Hüt­ten­wirt der sich einen Ele­fan­ten zum Geld­schei­ne platt tram­peln im Kel­ler hält. Der droht aber in Ele­fan­ten­scheis­se zu ersti­cken. Weil hier kei­ner sei­nen Müll mit zurück ins Tal nimmt. War­um man uns mag?

War­um?

Weil wir nach zwei, drei Tagen am Berg lang­sam aber sicher nor­mal“ wer­den. Oder genau­so ver­rückt? Auf­hö­ren, uns zu beneh­men wie Absol­ven­ten einer Clown­schu­le auf Klas­sen­fahrt. Ent­spannt und … ein­fach ber­gig! So mag man uns. Das hof­fe ich, als Gast, zumin­dest. Und es scheint - für bei­de Sei­ten - ein befrie­di­gen­der Lohn, genau dafür zu arbei­ten. Und es soll­te unser aller Ziel sein, die­se Hoff­nung auf Wan­del zu erfül­len.

Dar­um …

… einen Dank an die Wege­ma­cher und ihre ehren­amt­li­chen Blöd­manns­ge­hil­fen, die im Früh­jahr aus­schwär­men und - kein Witz - ihr Leben oft genug an dün­ne Fäden hän­gen, um uns eine siche­re Pas­sa­ge her­zu­rich­ten. An die eben­falls ehren­amt­li­che Berg­ret­tung, die mit­ten in der Nacht aus­rückt und am Ende hof­fent­lich nur“ eine klei­ne Schnitt­ver­let­zung ver­sorgt (Eis­schrau­be!) und beson­ders natür­lich an die Hüt­ten­leu­te, Ser­vice- und Küchen­die­ner, Tel­ler­ta­xen und alle ande­ren Voll­ver­rück­ten. Wenn der Kun­de König ist, dann seid ihr die Kaiser/innen.

Vie­len Dank für die freund­li­che Gast­wirt­schaft! Maril­le ist aus?!

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