Der Kunde ist König

Gott schütze uns vor Gästen.

Urlaub am Berg. Perfekt für alle, denen der Überfluss nur Überdruss beschert. Outdoor sagt man ja dazu. Vor der Tür viel frische Luft. Sorgenbefreit und munter in den Tag starten. Mit kleinem Gepäck, auf das Nötigste reduziert. Jeden Tag eine neue Welt. Ganz dicht bei Dir. Natur mit allen Sinnen erfahren. Horizonte erweitern. Grenzen sprengen. Da, wo ich bin, ist oben. Mit jedem sofort per Du, egal, ob König oder Bettelmann. Die Pumpe kommt auf Touren, Kalorien werden verbrannt. Auf gut ausgebauten Wanderwegenetzen - den Alpenvereinen und Wegewarten sei ewig Dank - lustwandeln wir leichtfüssig rot-weissen Markierungen wie Hänsel und Gretel den Brotkrumen folgend über Stock und Stein.

Hütte = Gaudi ohne Ende?

Schattenwerfende Dirndl servieren dauergutgelaunt Bier, Knödel und Marille und die Musi spült auf. Vollbärtige Vagabunden in Karohemd und Lederhose - die wahren Helden der Berge - berichten armwedelnd von epochalen Bergfahrten ("bei dichtem Nebel aufgestiegen, in der Nacht 50 Meter über dem Gipfel angekommen") und zaubern uns andächtig lauschenden Wochenend-Outdoor-Jüngern in schamlos teurem Syntetik-GoreTex-Ornat (lustwandelnde, potentiell flammende Infernos) ein ehrfürchtiges Staunen ins blasse Nordgesicht. Während wir Mammut-Berge von Knödel in uns reindrücken. "Und noch zwei Marille, bitte".

Zum ersten Mal auf der Hütte angekommen werden wir wie alte Freunde begrüßt und haben das Gefühl, diese ganze Pracht wäre nur für uns geschaffen. Die Marille wächst (outdoor!) hinterm Haus. Gleich neben den Spaghetti. Der Almochse kommt am Morgen Gott grüßend in die Küche getrottet und legt sich zufrieden in die Bratröhre, die Knödel rollen lustig hüpfend den Berg hinab ins heiße Wasser. Jedes Jahr bewerben sich Kühe aus der ganzen Welt, um einen der begehrten Outdoor-Plätze auf der Hochalm. Und um den Job zu bekommen bringen sie die Milch gleich kostenlos mit. Im Frühjahr kann es der Schnee gar nicht erwarten zu schmelzen. Um genug saubere Wasserkraft zu liefern. Damit wir auf Einzelzimmer - mit Extrakissen für den Hund - nach der heißen Dusche die Haare und unsere steigeisenfesten Mokassins fönen und die Mobiltelefone, GPS-Geräte für Auf- und Abstieg, Tough-Rough-Smart-Watches, Alexa´s und das Tablet aufladen können. Von denen ja unser aller Leben abhängt. Hier, in der rauhen, unerbittlichen Outdoor-Wildnis. Die Bergrettung rufen bevor uns die Glieder abfrieren. Im Hochsommer. "Alexa: Noch vier Marille. Und die Bergrettung, bitte".

"Tschuldigung, sind das da die Berge?"

Dem Gast zur Freude läuft hinter all der "ursprünglichen, natürlichen, unverdorbenen Vor-der-Tür-Idylle" eine sauber organisierte Maschinerie ab, zu deren Funktionieren viele Menschen beitragen, die über Monate hinweg auf den letzten Rest Privatsphäre verzichten. Die verrückt genug sind, sich das anzutun. Denn, bei Gott: Das ist nicht immer nur Spass. 16-18 Stunden Arbeit reichen meist nicht aus um immer höhere Anforderungen zu erfüllen. 6-Gänge-Menüs, WLAN for free, 24/7-Erreichbarkeit, GPS-Koordinaten um das Klo zu finden (Geh, kannst mir das aufschreiben, bittschön!?). Und erst das Personal! Spricht kein Wort Dialekt (weder hoch-, mittel- noch tiefdeutsch). Und am Abend erwarten wir natürlich das "Kapitäns-Dinner" mit den Wirtsleuten. Am besten, deren längst verstorbene Grossmutter und das immer vergnügte Tellertaxi - das so lustige Übungen drauf hat - hocken sich auch noch dazu. Und wieder klingt das alte Lied: "Haben Sie auch Marille?"

Gemütlich z´sammen sitzen, im Hintergrund spielt jemand auf der Gitarre, armwedeln, epochale Bergfahrten, Helden der Berge ... und noch sechs Marille, bitte. Passt! Drei Stunden Schlaf müssen auch mal reichen. Aufräumen, Frühstück eindecken, Kompost rausbringen ... wenn der letzte im Bett ist! Aus der Kleinen Stube hört man: "Noch acht Marille bitte".

Zu früh am nächsten Morgen geht die lustige Fragestunde los. Wie heißt es doch so schön: Vor dem ersten Kaffee einfach mal die Klappe halten. Aber nein: "Wie ist das Wetter draußen? Könnte ich bitte einen Latte Macchiato Caramel lactofrei mit viel Schaum, den aber unten? Geht es da bergauf? Haben Sie auch Dinkel-Toast aus Bodenhaltung? Sind das da die Berge? Und? Wo gehen Sie heute hin?"

"Outdoor komme ICH nur zum Kompost rausbringen"

Nach dem Frühstück (3xlacto, 1xveggie, 2xschaumunten, 1xinliegendenachten, 1xkaffeeeinlauf und gucken, ob die Kleine Stube schwimmt) wäre eigentlich die Zeit gekommen um abzuräumen, die Böden und Toiletten zu putzen, Betten und Wäsche zu machen, nebenbei weitere Fragen zu beantworten ("Ich komme bestimmt wieder! Vielleicht in drei Monaten oder so. Wie wird denn da das Wetter?"), Dinkel-Toast besorgen (das Zeug ist eckig und rollt somit nicht von selber), Holz hacken, das Essen für Tages- und Hausgäste vorbereiten, Lagerhaltung, Buchhaltung, Tierhaltung, dem Mastochsen Küchentür und Bratrohr aufmachen, mal vor die Tür und Kompost rausbringen ...

Geht aber nicht!

Denn in und vor der Hütte wuseln wir zeitgleich auf engstem Raum volle im Weg und verteilen unsere Ausrüstung auf Böden, Treppen, Tischen, Bänken und dem mittlerweile hastig freigeräumten Frühstücksbuffet. Sensationell, was da alles aufscheint. Und das will täglich vor dem Abmarsch aufs Neue sortiert, kontrolliert und exhibiert werden. So wie bei die großen Expidischäns.

Aussen am Rucksack eines Gastes baumeln fröhlich ein Teddy und zwei messerscharfe, 25cm. lange Eisschrauben. Ziel: Stripsenjoch, 1,5 Std. leichte Wanderung durch den Wald, gerade jetzt im Hochsommer schön zu gehen und schattig. Nebenan programmiert einer hochkonzentriert seine GPS. Richtig gelesen, Mehrzahl. Ziel: Im Abstieg nach Kufstein. Die breite Fahrstrasse wurde erst vor wenigen Jahren angelegt und die Chance, das sich in den nächsten 2 Stunden etwas am Routenverlauf ändert geht gegen Null.

Unausgeschlafene Elternpaare versuchen sich zu einigen, wer jetzt mit Tragegestell und dem süßen Fratz auf dem Rücken die 800 Höhenmeter hochkotzen muss. Während das Kind damit beschäftigt ist, Papa heimlich die Schnürsenkel mit einer sauberen Acht zu verbinden. Ist witzig: Die Bratzen können noch nicht alleine scheißen, aber den stolzen Vater hauts garantiert beim ersten Schritt volle auf die Schnauze. Der "Knotenkunde-Grundkurs für Eltern und Krippenkinder" der AV-Sektion Hamburg/Niederelbe hat sich ausgezahlt.

Das volle Programm ...

Dann sind da noch die Wasserauffüller, Müsliriegel- und Erbsenzähler, Reissverschlusskontrollierer, Mützenzurechtrücker, Seilaufschießer, Brotzeiteinpacker, Schuhzubinder, Brotzeitauspacker, Fragensteller, Teleskopstockingenieure,  Kartenleser, Gruppenfotomacher ... und dann noch die, die das alles doppelt machen. Um auf "Nummer Sicher" zu gehen. Auf Deutsch gesagt. Hier, in der rauhen, unerbittlichen Outdoor-Wildnis. Zum Abschied vielleicht noch zehn Marillen? Und los, auf in den Gebirgskampf ... im Wechsel stürmen dann auch schon die ersten Tagesgäste die Terrasse. Das ist aber ein ganz anderes Kapitel. Derweil macht das Reinigungspersonal (mit Migrationshintergrund) eine ungewollte Pause.

Das macht man nur mit, wenn man Humor hat. Viel Humor. Und es liebt. Dafür sollten wir dankbar sein. Nicht nur, das wir es uns gesundheitlich, zeitlich und finanziell leisten können, an den Berg zu fahren. Und wir auch noch im hintersten Winkel vegetarischen Dinkeltoast und ein Handtuch bekommen (weiß der liebe Gott warum wir immer die wichtigsten Sachen zu Hause vergessen).

Diesen besonderen (bekloppten?) Menschen ist es zu danken, das der Berg uns immer wieder so viel Kraft und Ruhe gibt. Verrückten, die sich nach getaner Arbeit zu uns an den Tisch setzen, viel zu spät ins Bett gehen und sich freuen, viel zu früh wieder aufzustehen. Dem Berg ist das alles - (Vorsicht: Satire) einer international anerkannten Studie aller Alpenvereine zu Folge - übrigens scheissegal.

Man freut sich ehrlich auf und über uns!

Obwohl wir so unglaublich lästig sein können 🙂 Aber bestimmt nicht, weil wir sie reich machen. Die Bezahlung ist in der Regel fair und über Tarif, steht aber in keiner Relation zur geleisteten Arbeit. Und ich kenne nur einen einzigen Hüttenwirt, Name zensiert, der sich einen Elefanten zum Geldscheine platt trampeln im Keller hält. Und der droht in Elefantenscheisse zu ersticken. Weil hier keiner seinen Müll mit zurück ins Tal nimmt.

Warum?

Weil wir nach zwei, drei Tagen am Berg langsam aber sicher "normal" werden. Oder genauso verrückt? Aufhören, uns zu benehmen wie kleine Kinder auf Klassenfahrt. Entspannt und ... einfach bergig! So mag man uns. Das hoffe ich, als Gast, zumindest. Und es scheint - für beide Seiten - ein befriedigender Lohn, genau dafür zu arbeiten.

Darum …

… einen Dank an die ehrenamtlichen Wegewarte und ihre Blödmannsgehilfen, die im Frühjahr ausschwärmen und - kein Witz - ihr Leben oft genug an dünne Fäden hängen, um uns eine sichere Passage herzurichten, an die ebenfalls ehrenamtliche Bergrettung, die mitten in der Nacht ausrückt und am Ende "nur" eine kleine Schnittverletzung versorgt (Eisschraube!) und besonders natürlich an die Hüttenleute, Service- und Küchendiener, Tellertaxen und alle anderen Vollverrückten. Wenn der Kunde König ist, dann seid ihr die Kaiser/innen.

Vielen Dank für die freundliche Gastwirtschaft! Marille ist aus!